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Das Mottenfraß-Etablissement Zacherl in Wien

Das Mottenfraß-Etablissement Zacherl in Wien, 2010
36 Dias, Ton


Knapp 200 Jahre nach der ersten Türkenbelagerung eröffnete Kaiser Franz Joseph I. 1873 in Wien, nach London und Paris, die fünfte Weltausstellung. Zu dieser Zeit wurde an der Fertigstellung der Ringstraße gearbeitet, die Epoche der Gründerzeit war angebrochen, reger Handel wurde getrieben, und mit dem Ausbau der Eisenbahn rückten ferne Ziele immer näher, womit auch der Informationsfluss stetig anstieg. In Folge der napoleonischen Feldzüge gewann der Einfluss orientalischer Kultur mehr und mehr an Bedeutung – in der Architektur, aber auch in Gestaltungsweisen und Lebensgepflogenheiten, was in „Türkischen Zimmern“, Rauchsalons, Pavillons und natürlich im Kaffeehaus, dessen Geschichte allerdings bis ins Jahr 1683 zurückreicht, zum Ausdruck kam. Das „Orientalische Viertel“ mit einem persischen Haus, einer Kopie des Achmed-Brunnens, der ägyptischen Baugruppe und dem Basar war eines der Highlights der Wiener Weltausstellung,
Damals entstand in Wien die sogenannte Zacherlfabrik, die auf die Herstellung des Mottenpulvers Zacherlin spezialisiert war. Gewonnen wurde das Pulver aus getrockneten und zu Pulver vermahlenen Zachariablüten, die aus Georgien importiert wurden. Wohl unter dem Einfluss der Weltausstellung, aber auch einer Reihe von Geschäftsreisen, die das Ehepaar Zacherl nach Georgien und in die heutige Türkei unternahm, wurde der Fabrik am Ende des 19. Jahrhunderts eine neue „Corporate Identity“ verpasst. Ganz im Stil islamischer Architektur wurde die Fassade mit einem erhöhten Mittelrisalit und einer zweigeschossigen Liwan-Nische strukturiert, die von türkisfarbigen Keramikfliesen gerahmt sind. Gekuppelte Fenster mit knospenförmigen Bögen, eine zwiebelförmige Kuppel, minarettartige Türmchen treffen auf Alhambra-Säulen und gezackte Bögen im Innenraum, die, anders als die Fassade, maurische Architektur zitieren.
Carola Dertnig beschäftigt sich am Beispiel dieses orientalistischen Baus in Wien-Döbling, der heute unter anderem als Atelier- und Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst genutzt wird, mit Strategien der Aneignung fremder Kulturen. Man könnte sich nach der Studie Learning from Las Vegas von Venturi/Scott Brown fragen, ob es sich bei der orientalisierenden Formensprache um einen „dekorierten Schuppen“ oder um eine „Ente“ handelt. In gewisser Weise trifft wohl beides zu. Die Entwürfe der österreichischen Architekten haben einerseits der Fabrik ein orientalisches Dekor verliehen, andererseits sollen Kuppel, Türmchen und die schillernden Fliesen eine Art Märchenschloss symbolisieren und dabei jene Klischeebilder freisetzen, deretwegen der Bauherr sich für diese Architektur wie für ein Kostüm entschieden hat. Carola Dertnig zeigt in einer Diainstallation Fotografien, die die Firmengeschichte nacherzählen, und unterlegt die Bildstrecke mit einer Tonspur. Zu hören ist ein Text, den die Künstlerin den Reiseberichten Anna Zacherls entnommen hat. Die oft naiven Schilderungen sind Ausdruck eines Genres, das sich an literarischen Vorbildern orientiert und von dem Begehren getragen ist, das Fremde in seiner Authentizität zu erfahren. Carola Dertnig überlagert die Firmengeschichte mit der privaten Reiseerzählung sowohl inhaltlich als auch in ihrer formalen Umsetzung. Der Diavortrag ist gleichsam eine performative Installation, die medienarchäologische Untersuchung einer Sehnsuchtsfabrik.
Eva Maria Stadler Ausstellung: Tanzimat, Augarten Contemporary, 2010